Tägliche (spirituelle) Praxis

Ich lese gerade den Artikel „Day One” (englischsprachig) auf dem Blog Banshee Arts.

Dort geht es um die tägliche spirituelle Praxis, gerade auch um die Stille-Meditation. Und um die Schwierigkeit, diese beizubehalten, dabeizubleiben.

Die Autorin des Artikels ist spirituelle Lehrerin, und dennoch hat sie die selben Probleme wie andere, wie auch ich selbst manchmal. Und das zu lesen beruhigt mich.

Denn wie oft gibt’s diese Ratschläge? Und wie oft finde ich an sich, dass da auch wirklich etwas dran ist?

Täglich meditieren…

Täglich (oder gar mehrmals täglich) dieses oder jenes Ritual etc. durchführen…

Regelmäßig (z.B. täglich oder an drei Tagen in der Woche oder so) einen Sport betreiben…

Täglich (oder mehrmals täglich) Imaginationen und/oder Skills üben…

Ich betreibe derzeit nur einen bis zwei dieser Punkte.

Und dabei hilft mir etwas, was auch im erwähnten Artikel anklingt: Wenn ich aus irgendeinem, egal welchem, Grund „aus der Reihe falle”, dann ist es nicht dran, mich irgendwie dafür schlechtzumachen, mich selbst auszuschimpfen oder zu bestrafen (und wenn es „nur” innerlich, emotional ist).

Stattdessen versuche ich – und es gelingt mir immer besser – mich anzunehmen, wie ich bin, auch mit der Unvollkommenheit, das, was ich mir vorgenommen habe, mal wieder nicht ganz täglich getan zu haben. Statt mich also auf die Vergangenheit zu konzentrieren (heute tagsüber/gestern/… habe ich es nicht gemacht), konzentriere ich mich auf die Gegenwart: Und jetzt tu ich’s wieder. Jetzt setze ich mich gerade wieder hin, als neuen Anfang der Reihe der täglichen Meditation. Und so weiter.

Im eingangs zitierten Artikel wird das so beschrieben, dass das genauso wie in der Meditation ist: Wenn ich merke, dass ich abschweife, diese Abschweifung schlicht loslassen und zum Atem (oder anderen Fokus der Meditation) zurückkehren.

Mich immer wieder an das Zitat erinnern, was von Victor Anderson (einem spirituellen Lehrer und Mitbegründer der Feri-Tradition) überliefert wird: „Schwäche weder bestrafen noch verhätscheln.” (z.B. auf Englisch „neither coddle nor punish weakness”). Für mich heißt „nicht verhätscheln” nicht, die Realität meiner Schwäche zu verleugnen. Es heißt, weiterzugehen, und von dem Punkt aus wieder Stärken, Ressourcen zu suchen. Hier also, wieder an dem anzuknüpfen, was ich schon mal getan habe. Die Praxis wieder aufzunehmen, zu der ich mich entschieden habe. Mich neu dazu zu entscheiden.

Oder: Mich umzuentscheiden, falls das gerade „dran” ist. Oft ja nicht radikal, sondern eher in Teilen, inkrementell.

Und dann mich auch noch an manches erinnern, was ich bei Thorn (einer anderen Lehrerin) gelesen habe. Zum einen: „Täglich heißt 5mal in der Woche.” Das nehme ich nicht so auf, dass ich gezielt zwei Tage in der Woche auslasse. Aber ich nehme es als noch eine zusätzliche Erlaubnis: Es bedeutet nicht automatisch, dass ich nicht täglich praktiziere, wenn ich an einem kleinen Teil der Tage (eben bis zu 2 von 7, als Größenordnung) nicht praktiziere.

Zum anderen: Die „Reibung” zwischen dem „Ja” zu einer Praxis (die bewusste Entscheidung, die ich treffe) und dem „Nein” (die Widerstände, die ich habe, die Bequemlichkeit, die vielen anderen Dinge, die mich ablenken, oder einfach auch interessieren, das Internet 🙂 ) erzeugt eine Hitze, die sogar zu der Veränderung/Verwandlung beiträgt, die ich an sich anstrebe (frei nach „Evolutionary Witchcraft”, S. 31).

Fazit:

Niemand ist perfekt.

Was auch immer Du Dir als persönliche Praxis aussuchst – falls und wenn Du das tust – bleib dabei.

Sei gnädig mit Dir, wenn Du merkst, dass Du einen Tag, eine Woche, einen Monat … davon abgekommen bist. Auch dann kannst Du Dich wieder entscheiden, dabei zu bleiben bzw. zurückzukehren.

Und es gibt viele Möglichkeiten der täglichen oder regelmäßigen Praxis. Wenn Dir Spiritualität nicht „reinläuft”, dann ist das voll okay. Vielleicht ist es etwas ganz anderes, was für Dich gut ist. Sport? Kampfkunst? Regelmäßiger Spaziergang? Etwas kreatives, Musik machen, Malen, usw.? Skills? Imaginationsübungen? Oder einfach abends drei Dinge notieren, was heute gut war? Etwas, was viel Zeit beansprucht, oder etwas ganz kurzes? Usw.

Was auch immer es ist, ich wünsche Dir viel Kraft dazu, dabeizubleiben. Und die Gnade Dir selbst gegenüber, wenn Du mal nicht dabeibleibst.

Und wenn Du magst, dann schreib doch hier, was Du dazu denkst, was Du für Erfahrungen mit dem Ganzen hast.

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2 Antworten zu Tägliche (spirituelle) Praxis

  1. Waldkatze schreibt:

    Gut geschrieben.
    Es ist so wichtig, und gleichzeitig – für mich zumindest – so schwer, den Fokus wirklich im jetzt zu halten. Wie du schreibst, sich nicht fertig machen für das was war – keine Macht der Welt kann es noch ändern, ich kann nur immer wieder versuchen, es anzunehmen.
    Ändern kann ich nur im jetzt etwas, wenn ich es denn will.
    Ich versuche, in meinen Schwächen das Positive zu sehen. Das versöhnt mich mehr als alles andere mit ihnen. Ohne meinen manchmal hinderlichen Sturkopf stände ich nicht da, wo ich jetzt bin. Und wenn ich jetzt die Disziplin für Sport nicht aufbringe, gönne ich meinem Körper eben die Ruhe. Ich jogge wieder, sobald es mir besser geht.
    Immer wieder annehmen, annehmen, was ist, was war, mich selbst…

  2. amzaun schreibt:

    Hallo!

    Vielleicht bekommst Du meine Antwort noch mit, auch wenn ich spät dran bin.

    Annahme finde ich auch oft hilfreich. Vor allem mir selbst gegenüber. Und mit der Zeit mehr und mehr Selbstliebe. Erst gestern bin ich da auf das bekannte Gedicht vom Charlie Chaplin gestoßen. Da geht es (in meinen Worten) darum, dass die Selbstliebe dann Achtsamkeit (im Hier-und-Jetzt leben) und auch Annahme des ganzen eigenen Lebens (gerade mit den Widrigkeiten, als Wachstumsimpulse), beinhalten kann. (Und noch manches mehr.)

    Und gleichzeitig dürfen wir auch in dem Punkt gnädig mit uns sein. Wer schafft es, dauernd im Hier-und-Jetzt zu sein? Vielleicht Menschen wie z.B. buddhistische Mönche nach jahrzehntelanger Meditationspraxis. 🙂 Wer schafft es wirklich immer und jederzeit, mitten im allertiefsten Tal dann genau dieses Leben voll und ganz anzunehmen und genau dieses tiefe Tal, vielleicht dazu noch von außen willkürlich einem angetan, als meines anzunehmen, und ja, das ist eine Gelegenheit zum Wachsen? Es ist okay, auch mal über Vergangenheit und Zukunft zu grübeln. Es ist okay, auch mal zu verzweifeln und es komplett anders zu wollen. Wenn Du irgendwie weißt, dass es auch anders geht, achtsam im Hier und Jetzt, wenn Du von der Annahme weißt, und es schaffst, dich immer wieder dahin zu „holen“, Dich darin zu ankern, dann biste schon weit. Und wenn Du schaffst, für die anderen Momente immer wieder gnädig und mitfühlend mit Dir selbst zu sein, mit mehr und mehr Deiner Teile, dann biste auch weit.

    Bezüglich der Vergangenheit finde ich es hilfreich zu trennen zwischen „Schuld“ und „Verantwortung“. „Schuld“ ist oft rückwärtsgewandt. Damit zerfleische ich mich, wenn ich mit Schuldgefühlen herumrenne, weil ich das oder jenes falsch gemacht habe. „Verantwortung“ sehe ich etwas anders, das sehe ich in der Gegenwart und weiter. Ich kann für das, worauf ich Einfluss habe, vor allem für mein Handeln im Jetzt, Verantwortung übernehmen. Manchmal ist es sicher auch nötig, das dafür zu tun, was ich getan habe. Aber an sich nehme ich dann die Verantwortung an dafür, wie ich ab jetzt damit umgehe. Habe ich anderen geschadet auf eine Weise, wie ich das nicht wollte, wie das nicht sein sollte oder gar nicht sein darf? Muss oder will ich jetzt irgendwie dafür geradestehen? Sei es mich einer offiziellen Instanz stellen, sei es auf die Person zugehen und einen Weg finden?

    Andere Schwächen sind einfach Schwächen, Teile unserer Persönlichkeit. Reibungspunkte, an denen wir wachsen. Vielleicht letztlich Teile, an denen und durch die wir gerade erst recht letztendlich persönlich wachsen können. Manchmal einfach dadurch, dass wir ihnen gegenüber einfühlsam sind.

    Sind wir jedenfalls auf dem Weg, uns in allen unseren Teilen zu kennen? Und alle Teile in unser Leben einzubeziehen?

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